1. Kapitel: „Mein Feld ist die Welt!“

Hamburg, Donnerstag, der 16. Oktober 1911

Ernst Hartung stand am Pier der Hamburg-Amerika-Linie, in einem Teil des neu Angelegten Kaiser-Wilhelm-Hafens und er fror. Es war ein naß-kalter Schweinehund von einem Oktobermorgen, schon seit über einer Stunde wartete er auf die Abfertigung.

Kaiser-Wilhelm-HafenEr zog den Hut tiefer ins Gesicht, machte sich seinen schwarzen Wollschal zu schaffen. Es nutzte nicht viel und der kalte Sprühregen tropfte weiter in sein Gesicht. Der morgendliche Nebel schien wie Blei an allem zu haften, kaum sah man die typischen, Ocker-Farbenen Schornsteine des Schiffes – das Markenzeichen der Hamburg-Amerika-Linie – so dicht lag der Nebel über dem Hafen.

Vor ihm angetäut und fast Bereit für die lange Reise nach China lag der Reichspostdampfer Princess Alice, der weiterhin von emsigen Hafenarbeitern beladen wurde. Aus den beiden Schornsteinen quoll schwarzer Rauch, der sich nur unwillig mit dem weißen Nebel verbinden wollte; durch den morgendlichen Dunst hörte man entfernt das monotone Stampfen der im Leerlauf drehenden Maschinen, gerade genug Energie für die Schiffsbatterien erzeugend. “Ein großartiges Schiff” dachte er bei sich, man hatte sich ja immerhin auf die Fahrt vorbereitet. Die Princess Alice war bereits das sechste Schiff der sogenannten Barbarossa-Klasse und von bewährter Technik, gebaut von der alteingesessenen Stettiner Vulcan Werft. Und es war zuverlässig, günstig im Verbrauch und schnell dazu; das  sogenannte “Blaue Band” für die schnellste Atlantiküberquerung hatte man den Amerikanern und Engländern schon abgejagt, bis 1907 verblieb das Blaue Band bei den Deutschen Reedern.

Eigentlich wurden ja mit der Princess Alice keine Passagiere befördert, es war ja immerhin “nur” ein Postdampfer, aber es ging ja darum. eine große Aufgabe zu bewältigen, die nur zusammen, als Team und mit gemeinsamer Anstrengung aller Beteiligten und als Team bewältigt werden konnte. Der Kaiser persönlich hatte den Befehl erteilt das, wie er sagte Tsingtau das neue Shanghai werden solle und hatte Unmengen von Reichsmark für die notwendige Infrastruktur bereitgestellt.

Salem No 6Er griff in die Jackentasche seines Mantels und beförderte sein versilbertes Feuerzeug heraus – ein Geschenk seines Bruders Paul – um gleich darauf den Versuch zu starten, mit seinen klammen Fingern eine der “Salem No.6” – Cigarette aus dem ebenfalls versilbertem Etui zu nesteln. “Verdammte Handschuhe!” fluchte er und zog selbige aus, um die Cigarete zu entzünden; doch seine Hände waren steif vor Kälte. Die Kalbsledernen Handschuhe, welche er trug, sahen schick aus, nur versahen sie ihren Dienst sehr schlecht. Diese unnützen Dinger hielten die Finger einfach nicht warm. Hätte er bloß die hässlichen, von Tante Elsbeth gestrickten, wollenen Handschuhe benutzt, dachte er bei sich, während er noch immer versuchte den Cigarette in Brand zu stecken. Um den böigen, kalten Wind abzuhalten, öffnete er seinen Mantel um sein Feuerzeug vom Wind abzuschirmen, was er im selben Moment bedauerte, als der kalte Wind hineinfuhr. Endlich! Der Tabak entzündete sich und er nahm ein paar tiefe Züge, so, als ob der Rauch ihn wärmen könnte – was er selbstverständlich nicht tat. Der Nieselregen begann stärker zu werden, er sah auf seine Taschenuhr.

Ernst stand ein wenig Abseits der anderen Passagiere, Ansammlungen von Menschen waren ihm seit jeher zuwider und ließ ihn Unruhig werden. “Vier Personen sind Ausreichend, mehr braucht es nicht für eine gepflegte Runde Doppelkopf… und natürlich den Wirt” – das war nach seiner Auffassung nach genug – mehr Leute brauchte es nicht um ihn herum. Seltsamerweise war das bei seinem Unterricht kein Problem. Was wohl dort Gesprochen wurde? Immer wieder drangen ihm unverständliche Sprachfetzen an sein Ohr. Er versuchte ein paar Wörter aufzuschnappen, was ihm aber nicht gelang… nun, egal, das störte ihn nicht weiter.

300px-Hapag_PortalEr zog erneut Gedankenverloren an seiner Salem und blies den Rauch genüsslich durch die Nase aus. Es tat sich scheinbar etwas auf dem Schiff: unverständliche Befehle wurden gebrüllt um gegen den mittlerweile stärker wehenden Wind entgegen zu wirken… Die Ladehelfer gingen die Gangway herab und oben an Bord bauten sich einige Uniformierte auf. “Bald mußte es losgehen” dachte er bei sich und schon kurz darauf ertönte eine schrille Pfeife, wieder wurde etwas gebrüllt was er nicht verstand und die Menschen setzten sich in Bewegung, um an Bord zu gehen. Ihm schoss der Wahlspruch der Reederei durch den Kopf „Mein Feld ist die Welt!“. Gleich geht es los, in die Welt! dachte er bei sich, nahm sein Handgepäck, trat seine Cigarette auf dem Kopfsteinpflaster aus und setzte sich in Bewegung in Richtung Schiff.

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